Rifugio Barbara - Herbstliche Boulderträume in Bella Italia

Text und Bilder: © Ulrich Röker

Nur knapp eine Stunde vom stark industriell geprägten Großraum Turin entfernt, findet man mit dem Valle Carbonieri ein verborgenes, kleines Juwel in den italienischen Alpen. Hier, ganz in der Nähe zur französischen Grenze, befindet sich in diesem abgelegenen Hochtal des Piemont das Rifugio Barbara (1753 m) und damit auch ein kleines aber feines Bouldergebiet, noch wenig bekannt, aber nichts desto trotz ein Gebiet von Weltformat. Zum ersten Mal waren wir 2006 in der Region auf Erkundungsfahrt, damals im Zuge der Recherchen für unseren Boulderführer iBloc, der die besten italienischen Bouldergebiete im Alpenraum vorstellen sollte. Nur mit dem Wissen über die Existenz dieses Gebietes bewaffnet, sind wir damals ohne allzu große Erwartungen dorthin gefahren und haben ein Bouldergebiet vorgefunden, das 2006 durch Christian Core mit Freundeskreis gerade erst fürs harte Bouldern erschlossen wurde. Christian Core war es dann auch, der mit Kimera (Fb 8c) für diese Zeit ein bemerkenswertes Ausrufezeichen setzen konnte. Damit war das Gebiet erstmalig ins Bewusstsein einer breiteren, internationalen Kletterszene gerückt. Seit dieser ersten Kontaktaufnahme ist viel Zeit vergangen, Jahre geprägt vom Bouldern, Klettern und Führer machen. Doch immer war da im Hinterkopf der Gedanke an dieses feine, kleine Gebiet und wie es sich wohl über die Jahre hinweg verändert hat. Heute, elf Jahre später ist es schließlich soweit, wir sind bereit für eine erneute Erkundungsexpedition.

Wir, das heißt in diesem Fall mein langjähriger Seilpartner und Boulderkumpel Micha und ich. Wir schreiben das Jahr 2017 und es ist Spätherbst, die bekanntermaßen beste Jahreszeit, um noch vor dem ersten Schnee in hochgelegenen Bouldergebieten rohe Kräfte sinnlos walten zu lassen.

Mein VW Bus ist gepackt und wir tuckern schon bald gut gelaunt und mit von einer langen Saison gestählten Muskeln gen Süden, mit dem Ziel Italia.

Die Reise zieht sich, doch nach stundenlanger eintöniger Autobahnfahrt ist schließlich spätabends Torino erreicht. Wie so oft ist die Luft im industriellen Herzen der Region nicht die beste, doch das kann heute die Vorfreude kein bisschen trüben, denn unser eigentliches Ziel ist jetzt in greifbare Nähe gerückt. In Pinerolo endet schließlich die Autobahn und ab hier geht es über Landstraßen weiter. Die Ortsnamen, die jetzt in der Dämmerung an uns vorüberfliegen, lassen unsere Bouldererherzen höher schlagen: Bricherasio, Luserna, Torre Pellice und schließlich Villar Pellice. Nicht weit nach Ortsende geht es dann links ab und bereits wenig später führt uns die schmale Straße steil bergauf ins enge, tief ins Gebirge eingeschnittene Valle Carbonieri, an dessen Grund ein bis heute ungezähmter Wildbach tost.


Bild: Ungezähmter Wildbach am Grunde des Valle Carbonieri

Zunächst recht kurvig, dann über mehrere Kilometer fast geradeaus führt uns die Straße höher und höher. Dann geht die Piste wieder in den Kurvenmodus über und dieses Mal kennt sie keine Gnade. Spätestens hier versteht man auch, warum die Straße für Busse nicht zugelassen ist. Man kommt als Fahrer kaum noch mit dem Kurbeln nach, so eng sind hier oben die Haarnadelkurven, und wir sind froh, als wir schließlich im Licht der Scheinwerfer das Ziel unserer Reise vor uns erkennen können. Noch eine letzte Kehre, dann haben wir endlich den Parkplatz erreicht. Ein großer geschotterter Platz und ein abgesperrter Abzweig mit einem einfachen Holzschild "Rifugio Barbara". Da es mittlerweile spät geworden ist, wird nicht mehr lange gefackelt und wir gehen für heute direkt in den Schlafmodus über.


Bild: Parkplatz beim Abzweig zum Rifugio Barbara

Der nächste Morgen beginnt mit bestem Wetter, auffallend guter Luft, und unser Team ist um einen Teilnehmer größer geworden. Mein Bruder Harald ist direkt von Recherchearbeiten in Sizilien irgendwann in der Nacht zu uns gestoßen, und unser Expeditionsteam "Barbarabouldern" ist damit komplett. Nach einem ausgiebigen Frühstück im Schatten - die Sonne braucht um diese Jahreszeit eine Weile, bis sie den Parkplatz erreicht - werden die Matten geschultert, und wir machen uns zu Fuß auf den Weg in Richtung Rifugio Barbara. Nach gut 10 Minuten Fußmarsch taucht dann die Hütte vor uns auf. Am Rande einer weiten Hochalm gelegen, braucht sich dieses Rifugio in Sachen Lage nicht zu verstecken.


Bilder: Mehr Matte als Mensch, schwer bepackt kämpft sich das Team Richtung Rifugio Barbara, Silberdisteln, um diese Jahreszeit die letzten Blüten als Erinnerung an den vergangenen Bergsommer, das Rifugio ist erreicht

Zu dieser fortgeschrittenen Jahreszeit hat man in dieser Höhe - wir befinden uns hier auf etwa 1800 m - einen wahrhaften Farbenrausch der Natur vor Augen. Der Himmel stahlblau, die weiten Almwiesen so spät im Jahr eher trocken, so dass nahezu nur noch Silberdisteln blühen. Aber als Ersatz fürs fehlende Blütenmeer haben sich die Lärchenwälder in ihr schönstes, goldgelbes Herbstkleid gehüllt.


Bilder: Hartes Aufwärmprogramm für gestandene Profis, golden verfärbte Herbstträume

Da die Sonne hier bereits über die umgebenden Gipfel hinweg voll in den weiten Talkessel brennt, legen wir zunächst - so eine Bouldermatte kann schließlich vielfältig genutzt werden - ein herrlich faules und sehr ausgiebiges Sonnenbad ein, bevor wir - gut durchgewärmt - bereit sind für sportliche Höchstleistungen. Dann aber werden die Matten erneut geschultert und wir marschieren voller Elan zum hinteren Rand der Almwiese. Hinein ins Blockgewirr, direkt ins Zentrum des mächtigen Felssturzes.

Ab jetzt gibt es kein Halten mehr, und unsere Matten dienen jetzt nur noch dem einen Zweck, für den sie ursprünglich geschaffen wurden.

Tolle Boulder gibt es im Gebiet zur Genüge, auch wenn der Schwerpunkt - man merkt die starke Hand von Christian Core - derzeit eher im gehobenen Schwierigkeitsgrad angesiedelt ist, was vor allem Harald sehr entgegen kommt. Während er sich in Problemen wie Smeagol (8b), Bloody fingers (8a+), Grizzly (8a) oder auch Jonny Killer (8a) voller Begeisterung die Fingerchen in die Länge zieht, sind Micha sowie meine Wenigkeit eher auf der Suche nach etwas einfacheren Problemen.


Bilder: Harald in Bloody fingers (8a+), Kimera (8c), Jonny Killer (8a)

Vor allem an den mächtigen Blöcken gibt es hiervon eine ganze Menge, auch wenn bei Boulder neben Boulder viele vom Charakter her sich häufig doch sehr ähnlich sind und nur die Schwierigkeit ein wenig variiert. Aber bei den zahlreichen Blöcken finden sich natürlich auch viele Probleme mit einem sehr eigenen Charakter. L'acciappasogni (7a), Popper (6c) oder auch "Il sito" (6c+) sind gute Beispiele dafür. Da in dem weitläufigen Gebiet zudem noch Platz für Neuland in Hülle und Fülle ist, wird bei fehlenden Vorgaben kurzerhand was Neues beigesteuert und Boulderquergänge wie "Rollmops" (6a+) oder "Daunenwolke" (6b), der seinen Namen einem Loch in meiner Daunenjacke verdankt, können sich als Ergebnis durchaus sehen lassen. "Rutschgefahr" (6c) dagegen ist eine eher steile Angelegenheit geworden, bei der man in dem glatten Serpentinit möglichst sauber stehen sollte.


Bilder: Micha in L'acciappasogni (7a), Micha beim Einklettern an einer der zahlreichen leichteren Routen, Abendstimmung im weiten Kessel des Rifugio Barbara

Die Tage mit perfektem Spätherbstwetter werden von uns vollgepackt mit unvergesslichen Erinnerungen an zahlreiche Versuche, an Wiederholungen von tollen, oft hart bewerteten Bouldern in bestem Serpentinit, dazu an die ein oder andere Erstbegehung, und das alles bei fürs Bouldern perfekten Bedingungen. Nur noch wenige Besucher - meist Wanderer - erinnern uns während dieser Tage von Zeit zu Zeit daran, dass wir hier oben nicht vollkommen alleine sind.

Doch irgendwann geht auch die schönste Zeit zu Ende. Der Wetterbericht, der einen baldigen Wetterumschwung vorhersagt, gemahnt zum Aufbruch. Um diese Jahreszeit bedeutet das so hoch im Gebirge auf jeden Fall eines: es wird Schnee geben! Angesichts der windigen Passstraße und der abgelegenen Lage - hier hilft dir um diese Jahreszeit keiner so rasch aus der Klemme - werden die Matten endgültig verpackt, und wir machen uns bei beginnendem Schneefall auf den Weg zurück ins Tal, zurück in die Zivilisation.


Bild: Gerade noch rechtzeitig, Blick zurück auf die frisch verschneiten Gipfel

Von weit unten erhaschen wir bei einem kurzen Aufreißen der Wolkendecke noch einen letzten Blick auf die frisch verschneiten Gipfel. Damit fällt der Abschied nicht allzu schwer, und mit der Gewissheit, das Boulderjahr im Gebirge perfekt genutzt zu haben, fahren wir wieder die endlosen Kilometer zurück in die Heimat. Zu Hause angekommen sind wir uns alle einig: es soll nicht unser letzter Besuch gewesen sein in diesem Kleinod der Natur, hoch oben in der Abgeschiedenheit der geheimnisvollen Bergwelt des Piemont.

 

 Führer zum Bouldern am Rifugio Barbara:

 Rifugio Barbara - Bloc (GEBRO Verlag)

 ISBN: 978-3-938680-57-5

 Preis [D]: 20,00 €

 1.Auflage vom Februar 2026

 

 

 

 

 

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